Freiwilligendienst in Bolivien: „Erziehen ist vor allem Sache des Herzens!“

Katharina Schilcher, jetzt 22 Jahre, hat nach ihrem Abitur 2013 erst einmal Deutschland hinter sich gelassen und ist nach Bolivien geflogen – aber nicht, um die Welt zu bereisen, sondern um in einem Heim für Kinder und Jugendliche auszuhelfen. Dies war im Hogar Don Bosco, einem von sieben Häusern des Proyecto Don Bosco im warmen Santa Cruz de la Sierra.

WAS HAST DU WÄHREND DEINES AUFENTHALTES GEMACHT? WAS WAREN DEINE AUFGABEN?

Ich wurde zu Beginn meines Freiwilligendienstes einer Gruppe zugeteilt. Es waren dreizehn Kinder im Alter von sechs bis neun Jahren, die alle in die zweite Klasse gingen. Meine Aufgabe war es, ihre Erzieherin zu unterstützen, also quasi ein bisschen „zweite Mami“ für die Kinder, die kaum noch Kontakt zu ihren Familien hatten, zu sein. Ich weckte sie morgens auf, frühstückte mit ihnen und brachte sie dann zur „Hausaufgabenstunde“. Dort machten sie ihre Hausaufgaben mit der Unterstützung von Lehrerinnen, was den Kindern sehr zugute kam, da sie durch ihre teilweise sehr belastenden Geschichten oft Konzentrationsprobleme hatten. Mittags kam ich dann wieder, half beim Suchen der Schuluniformen, aß mit ihnen Mittag und sie erzählten mir, wie der Morgen verlaufen war. Es war jedes Mal eine Freude zu hören, wenn Carlitos wieder der schnellste bei den Mathe-Aufgaben war und Hevert ganz stolz erzählte, was er noch schönes gemalt hat. Und Jairo verschmitzt meinte, er sei nach der Hälfte ausgebüxt, aber dann doch wieder ins Klassenzimmer zurückgekommen, um die Hausaufgaben zu beenden. Bevor die Erzieherin und ich die Kleinen nachmittags zum Unterricht in die Schule brachten, versammelten wir uns nochmal im Gruppenraum, packten Rucksäcke und sprachen ein Gebet. Abends, nachdem sie aus der Schule kamen, begann die coolste Zeit des Tages! Wir hatten Zeit zum Spielen, Malen und Basteln. Kurz Abendessen und dann ging’s draußen im „Recreo“ weiter: Diabolos, Karussell, Wippen und Schaukeln, Fußball und Volleyball, Musik und Tanz erfreuten Kinder und Erzieher. So viel gelacht und geschwitzt wurde den ganzen Tag nicht! Und auch wenn der Tag zuvor anstrengend war, weil die Kinder halt doch nicht so viel Lust auf Hausaufgaben oder Schule hatten, wurden die ganzen Bemühungen jetzt durch ihre strahlenden, glücklichen Gesichter belohnt und man wusste, wofür man sich ins Zeug gelegt hatte! Zum Abschluss des Tages wurde noch geduscht und ich las eine Gute-Nacht-Geschichte vor… oder zwei… oder drei…

WIE HAT DICH DIE ARBEIT IM HOGAR DON BOSCO BEEINFLUSST?

Während ich in Bolivien war, dachte ich: „Wieso sagen alle, dass man sich verändert? – Ich bin immer noch so wie vorher!“ Erst als ich zurückkam, bemerkte ich, dass dies absolut nicht der Wahrheit entsprach! Zum einen finde ich die Überflussgesellschaft mit ihren „first-world-problems“ wirklich anstrengend. Ganz schlimm ist der Überfluss an Essen, welches so lange im Kühlschrank gelagert wird, bis es vergessen und weggeworfen wird. Wenn ich die Geschichten der Kinder dem gegenüberstelle, wird mir einfach nur schlecht. Wenn Eltern drei Jobs arbeiten und trotzdem nicht genug verdienen, müssen die Kinder betteln und stehlen, nur um ihre Mägen füllen zu können – und wir werfen die leckersten Lebensmittel weg, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben! Zum anderen habe ich mein Verhalten im Hinblick auf viele Dinge verändert. Zum Beispiel ist die Tatsache, zu teilen, für mich selbstverständlich geworden! Sei es die Picknick-Decke, mein Pausenbrot, eine Tasse Kaffee oder mein WG-Zimmer. Wenn jemand etwas braucht, was ich ihm geben kann, biete ich es ihm an. Selbstverständlich ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Ich denke, das fehlt vielen Europäern, jedenfalls habe ich das so, wie ich es von der bolivianischen Bevölkerung erfahren habe, nie in der Öffentlichkeit in Deutschland mitbekommen.

WÜRDEST DU DEIN VOLUNTARIAT NOCH EINMAL MACHEN?

Ja, auf jeden Fall! Es war eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe. Ich habe eine Menge gelernt, konnte andere Dinge weitergeben und hatte ein super interessantes und spannendes Jahr mit vielen Erfahrungen. Natürlich läuft nicht immer alles nach Plan! Man muss mit Rückschlägen fertig werden, akzeptieren, dass sich Pläne nicht einfach umsetzen lassen und Kinder nicht immer das cool finden, was man ihnen gerade beibringen möchte. Doch die schönen Momente überwiegen, zusammen mit der Freude der Jungs und der Dankbarkeit der Projektleitung. „Erziehen ist vor allem Sache des Herzens!“ – dies war Don Boscos Überzeugung und mit ihr kommt man meiner Meinung nach einer besseren Welt einen kleinen Schritt näher!

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