CORONA EN BOLIVIA

WEBINAR ÜBER DIE ERSTE COVID-19-
WELLE IN SÜDAMERIKA (JUNI 2020)
Wir haben uns zu Beginn der Corona-Pandemie Anfang des Jahres gefragt, wie die Situation in Südamerika, vor allem in Bolivien ist, wie es unseren Freundinnen, Bekannten und dem „Proyecto Don Bosco“ geht und inwiefern die Politik und die Gesellschaft dort auf das Virus reagieren. An einem Donnerstagabend Ende Juni schalteten sich mehr als 110 Zuschauer online, um unserer Veranstaltung beizuwohnen. In Interviews mit Personen vor Ort haben wir – Miriam, Gabriel und Katharina – als ehemalige Volontärinnen und aktive Mitglieder des BoliVIDA e.V. einen Blick über den Tellerrand der Länder des globalen Nordens hinausgewagt. In folgendem Artikel finden Sie eine Zusammenfassung darüber sowie den Link zur Aufzeichnung:

https://bolivida.de/corona/

Die Pandemie des Covid-19-Virus erreichte Südamerika Anfang/Mitte März, was – genau wie in allen anderen betroffenen Staaten der Welt –eine Reaktion der Regierungen und der Gesellschaft forderte. Ausgangssperren und Hygienevorschriften seitens der Gesetzgeber verlangten eine Anpassung des alltäglichen Lebens an die neuen Gebote und Verbote. Soweit nichts anderes als in Europa. Doch der Unterschied fand sich in den Möglichkeiten der Umsetzung wieder: Eine ausreichende soziale Absicherung oder ein volles Sparkonto für Krisenzeiten besaß der Großteil der südamerikanischen Bevölkerung nicht und somit löste die Corona-Pandemie in vielen Staaten der „neuen Welt“ eine existentielle Krise aus.
In Argentinien zum Beispiel herrschte schon vor dem Ankommen von Covid-19 eine schwere Wirtschaftskrise, die durch strikte Ausgangssperren,welche mit Haftstrafen geahndet wurden, noch stark verschärft wurde. Allerdings konnte die argentinische Regierung hierdurch die Infektionszahlen niedrig halten und die Kapazitäten des Gesundheitssystems erhöhen.
Ein konträres Bild zeigte sich zu dieser Zeit in Chile, das Land verzeichnete hohe Neuinfektionszahlen mit bis zu 7000/Tag (Stand: Mai 2020). Die meisten davon fanden in den Armen- und Arbeitervierteln der Hauptstadt Santiago de Chile statt, wo fließend Wasser kein Standard, sondern eine Seltenheit ist und man das wenige Geld verständlicherweise für Essen anstatt für Desinfektionsmittel ausgab. Seitens der Regierung fand nur wenig Unterstützung statt, deshalb halfen sich die Bürger*innen gegenseitig mit „ollas comunes“, sogenannten „Gemeinschaftsküchen“, welche folgendermaßen funktionierten: In Nachbarschaften wurden Lebensmittel zusammengetragen und daraus wurde dann gemeinsam für alle gekocht, auch für diejenigen, die keine Nahrungsmittel beisteuern konnten.
Allerdings war die Gesellschaft in Bezug auf die Regierung und die soziale Situation bereits vorbelastet und die Stimmung war – und ist immer noch – aufgeheizt. Schon im Herbst letzten Jahres gab es viele, teils gewaltsame Demonstrationen auf den Straßen, da ein großer Teil der Bevölkerung die soziale Ungerechtigkeit und weitreichende Armut nicht mehr duldete. Diese Proteste, genannt „cacerolazos“, fanden auch während der ersten Covid-19-Welle wieder statt, denn viele der Entscheidungen der Regierung in Bezug auf die Corona-Pandemie halfen großen Unternehmen zu überleben, stürzten die breite Bevölkerung aber in eine existentielle Krise.

Noch ernster war die Lage in Brasilien, wo die schnellste Ausbreitung des Virus verzeichnet wurde und die Gesamtinfektionszahl sich auf Platz 2 im weltweiten Vergleich, nach den USA, befand (Stand: Juni 2020). Ursächlich waren hierfür multiple Faktoren. Unter anderem, dass es sehr lange gar keine Beschränkungen gab, internationale Flughäfen noch lange geöffnet waren und national einheitliche Regelungen zur Infektionseindämmung fehlten.
Hauptursächlich schien die Politik des Regierungschefs Jair Bolsonaro, der die Krise als persönlichen Angriff sah und den Ernst der Pandemie leugnete. Während er sich wegen ökonomischer Interessen gegen „social distancing“ und Infektionsschutzmaßnahmen aussprach, den Gesundheitsminister entließ und mit dem Austritt Brasiliens aus der WHO drohte, erkrankten ca. 50.000 Bewohnerinnen Brasiliens täglich an Covid-19 (Stand: Juli 2020). Die Höhe der Dunkelziffer wurde hierbei auf das 15-Fache geschätzt, denn auch die Testkapazitäten waren sehr gering. Vor allem in den „Favelas“, den Armenvierteln der brasilianischen Großstädte und in indigenen Kommunen im Amazonas breitete sich das Virus unkontrolliert aus, da ein funktionierendes Gesundheitssystem fehlte. Überfüllte Krankenhäuser, fehlende Schutzausrüstung für Ärztinnen und Patient*innen führten zu einer hohen Mortalität und dem Entstehen von Massenfriedhöfen.
Neben Brasilien war Peru der zweite Corona-Hotspot Südamerikas, der große Unterschied zwischen den beiden Ländern war jedoch die Anerkennung des Covid-19-Virus als Gefahr für die Bevölkerung durch die peruanische Regierung. Allerdings scheiterte die Eindämmung der Infektionsausbreitung aufgrund fehlender finanzieller und infrastruktureller Mittel.

Dies zeigte, wie stark eine Pandemie-Bekämpfung von sozio-ökonomischen Strukturen abhängig ist. Die Regelungen in Peru waren vergleichbar strikt wie z.B. die in Argentinien, wo allerdings die wirtschaftliche Kapazität verfügbar war, sie umzusetzen. Wie auch in Chile litten in Peru vor allem Bewohnerinnen der Armenviertel, Tagelöhnerinnen, Bus- und Taxifahrer*innen aufgrund der Möglichkeit,fehlenden Hygienevorschriften Abstandsregeln einzuhalten.

Die Referent*innen, die in Form eines Webinars über die Corona-Lage in Südamerika berichteten. Von links: Miriam Steindorff, Katharina Schilcher und Gabriel Booms.

In Bolivien war die Lage sehr ähnlich wie in Peru. Hauptursächlich für die Nicht-Einhaltung einer strikten Quarantäne war vor allem die Tatsache, dass viele Bürgerinnen keinen offiziellen, vertragsgebundenen Arbeitsplatz haben, sondern von dem leben, was sie an einem Tag verdienen. In einem Interview brachte der Erzieher Maicol es auf den Punkt: „Wer einen Tag lang nicht arbeitet, hat an diesem Tag auch nichts zu essen!“ Dieser Tatsache standen jedoch hohe Strafen für die Nicht-Einhaltung des Lockdowns entgegen: Freiheitsentzug oder eine Geldstrafe von bis zu 300€ (ca. drei Monatslöhne eines/einer Erzieherin des „Proyecto Don Bosco“). Des Weiteren erklärte uns unser bolivianischer Freund Cayo, dass das bolivianische Gesundheitssystem schon vor der Pandemie nicht funktionierte und es dementsprechend sowohl an materiellen als auch personellen Ressourcen fehlte. Die Auswirkungen waren für die bolivianische Bevölkerung dementsprechend verheerend.

Nun werden sich viele von Ihnen fragen, wie es den Kindern und Jugendlichen im „Proyecto Don Bosco“ zu dieser Zeit ging. Laut Maicol war die Situation unter Kontrolle, allerdings auch nur deshalb, weil keine Bedürftigen neu aufgenommen wurden. Dies bedeutete jedoch, dass sich die Situation außerhalb des Projektes, unter anderem auf der Straße und in sozial-schwierigen häuslichen Situationen verschärfte. Diesen Kindern und Jugendlichen nahm die Pandemie die Chance auf einen Platz in einem sicheren, bedürfnisgerechten Umfeld.
Diejenigen, die bereits im Projekt waren, konnten allerdings weiterhin schulische Bildung, in Form von Hausaufgaben, erhalten und innerhalb der Heime spielen sowie mit ihren Freund*innen Sport und weitere Aktivitäten machen. Auch wenn sie keinen Besuch von ihren Verwandten bekommen konnten, waren sie im Projekt gut aufgehoben und durch die Quarantäne weitgehend vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus geschützt.

Verkaufsstände in einer Straße in La Paz, Bolivien. Es ist offensichtlich, wie begrenzt die Möglichkeiten sind, Abstand zu halten oder sich regelmäßig die Hände zu waschen.

VON KATHARINA SCHILCHER

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