EIN JAHR HEIMAT

BLICK ZURÜCK AUF EIN JAHR IM PROYECTO DON BOSCO. BLICK INS JETZT. BLICK NACH VORNE.
Ein Land auf der anderen Seite des Meeres, jenseits des Horizonts.
Eine Stadt zwischen Beton und Palmen, bunten Bussen und Staub, Türmen aus Obst und Plastik.
Ein Haus, von Stacheldraht umgeben, vom Eigentümer wie ein Diamant bewacht.
Wäscheleinen, die zu hoch sind für Personen unter 1,70m und von denen der Wind die tanzenden Stoffe bis in den Stacheldraht weht.
Ein Zimmer, zwei Hochbetten und Mückennetze, Kleidungsstapel auf dem unbelegten Bett und Plastiktisch, Handtücher im Bad, blaue Fussel überall. Die Türe steht offen, was Nachtfalter und Sand nach innen weht und ab und an einen Windhauch.
Im Wohnzimmer verschiedene Sprachen, junge Menschen. Musik, die abends früh verstummt. Duft nach Kuchen, Cuñapés und frischer Pizza. Gedämpftes Lachen, Gähnen und ein warmes Wort.

Am anderen Ende der Straße Stühlerücken, Kindergeschrei, ein Fußball springt ins Tor. Die Hosenbeine nass, zwei Hände zu wenig, Kugelschreiber kratzen über Stapel von Papier. Betten stehen dicht gedrängt in kleinen Räumen. Shampoo, Zahnpasta und Seife werden verteilt. Räume und Gänge werden schmutzig, sauber, und noch schneller wieder schmutzig. Es riecht nach Schweiß, trockener Erde und Geschäftigkeit.
Berge von Reis türmen sich auf Tellern, die Hitze macht träge, das Gewusel munter.
Der Ort, von dem ich spreche, es ist ein Ort der Träume und der Sehnsucht – auch von Enttäuschungen, von Ärger, Angst und Kummer. Ein Zuhause auf Zeit mit Ankündigung, im Herzen für die Zukunft aufbewahrt. Ob’s ein Zuhause bleibt, das wird sich zeigen. Wie viel Heimat der Ort in sich trägt, und das Haus am anderen Ende der Straße, und wie viel in den Menschen steckte, die es füllten – mit Leben, unausgesprochenen Worten und Geschichten. Mit Hoffnungen und Erwartungen, aus denen Erlebnisse wurden, und aus den Erlebnissen Erinnerungen.
Erinnerungen, die mich nicht mehr loslassen, die sich eingebrannt haben und so ein Teil von mir geworden sind, die mir manchmal keine Ruhe lassen und mich zurückziehen. Die mich danach fragen, ob diese vergangene Heimat nicht auch eine Heimat der Zukunft sein sollte. Aber auch solche, die ich gerne vergessen würde, aber nicht kann. Die mich genauso zu der machen, die ich bin mit meinen Zweifeln, Ängsten und Unsicherheiten.
Erinnerungen, im Inneren aufbewahrt, mein Inneres formend und mitgestaltend. Und auch, wenn sie Erinnerungen bleiben, die immer weiter in die Ferne rücken, nehmen sie doch weiterhin ihren Platz ein. Es nützt nichts, sie vergessen zu wollen. Es nützt nichts, ihnen nachzutrauern und sie als alte neue Lebensrealität heraufzubeschwören und herbeizusehnen. Es nützt auch nichts, zwanghaft an ihnen festhalten zu wollen, wenn sie in meinem Alltag immer weiter in den Hintergrund rücken.
Mein Leben, wie es jetzt ist, meine Person, wie sie jetzt ist, meinen Platz hier gäbe es nicht, wären da nicht auch diese zu Erinnerungen gewordenen Erlebnisse, die dahinterstehen, aber all das hängt schon lange nicht mehr nur davon ab. Ich darf vergessen, meine Energie anderen Themen widmen, kritisieren, zweifeln, manchmal auch traurig sein, Sehnsucht haben und mich zurücksehnen in eine Zeit, die nicht mehr zurückkehrt, mit all ihren Höhen und Tiefen. All das gehört wohl dazu zum Erinnern. All das gehört zu der, die ich geworden bin.
Manchmal regt sich dann der Wunsch, die Erinnerungen aufzufrischen. Vielleicht benötigt es aber gerade den Mut zu sagen: Was in der Vergangenheit liegt, darf dort auch bleiben. Nicht, weil es nicht schön und wertvoll für mich war, sondern weil man nicht alles weiterführen und nur so Platz für Neues schaffen kann. Auch Vergangenes kann sich erweitern und erneuern –nicht um ähnliche Erfahrungen aus eigener Hand, sondern um neue Perspektiven und Menschen, die einem bei anderen Projekten begegnen und zur Seite stehen.

BoliVIDA ist so ein Projekt, das aus Erinnerungen ein Stück Alltag geformt hat. Aus Mitgliedern sind Freund*innen geworden. Aus den Teilen ein Ganzes. Ein Puzzle aus vielen Erfahrungen, Erlebnissen, Worten und Begegnungen, ein Flickenteppich aus Meinungen, Perspektiven, Talenten und Interessen. Eine Brücke in die Vergangenheit, ausgefüllt mit Gegenwartsideen. Eine Idee, die mit Leben gefüllt wurde, 2020 vielleicht noch mehr als in den Jahren zuvor. Ein Rahmen, um trotz Distanz enger zusammenzurücken. Alles gleichzeitig: Der Blick zurück, auf das was war, das Innehalten bei dem, was ist, die Vorfreude auf das, was kommt.

VON FRANZISKA ROBL

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.