„Ich kam als Fremde und ging als Freundin“

Es ist warm, laut und bunt, ich höre eine fremde Sprache und laute Musik, an den Straßenrändern sind Obststände aufgebaut, Taxis liefern sich Wettrennen in den staubigen, chaotischen Straßen und ein Huhn wird von einem Straßenhund gejagt.
Diese vielfältige Umgebung wurde für mich zum Alltag und zu meinem Zuhause, als ich im September 2015 meinen Freiwilligendienst im Herzen Südamerikas, genauer gesagt in der Millionenstadt Santa Cruz im Osten Boliviens begann. Die Vielseitigkeit des Landes zeigt sich in der kontrastreichen Natur und der kulturellen Vielfalt: neben der Amtssprache Spanisch existieren 37 indigene Sprachen und jede Einzelne bringt verschiedene Tänze, Gerichte, Kleidung und Traditionen mit sich.

Die Kehrseite der Schönheit des Landes ist die allgegenwärtige Armut, die einen Großteil der Bevölkerung betrifft. Darunter leiden vor allem Kinder und Jugendiche. Während die bolivianischen Behörden die Zahl der Straßenkinder im ganzen Land mit 4000 angeben, schätzen die UNICEF und ähnliche Hilfsorganisationen die aktuelle Zahl auf mindestens das Zehnfache. Alleine in Santa Cruz gibt es mittlerweile über 30 Kinderheime, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die aussichtslose Situation der Straßenkinder zu verbessern und ihnen eine neue Perspektive zu ermöglichen. In einem dieser Kinderheime, dem „Hogar Don Bosco“, welches vor 25 Jahren von einem italienischen Salesianerpater gegründet wurde und momentan das Zuhause von 150 Jungs im Alter von 6 bis 16 Jahren ist, war ich ein Jahr als Erzieherin tätig.

Die Jungs kommen mit vielen Problemen, Ängsten und belastenden Vergangenheiten ins Projekt, doch in jedem stecken mindestens genau so viele Talente, Stärken und Träume. Diese zum Vorschein zu bringen und ihnen einen Raum zur Entfaltung zu geben, ist neben der Ermöglichung einer umfassenden Schulbildung ein wichtiger Teil der Arbeit im Alltag des Kinderheims. Doch um dies zu ermöglichen musste ich in viele verschiedene Rollen schlüpfen: Erzieherin, Lehererin, Entertainerin, große Schwester, Freundin, manchmal sogar Mutter und oft auch Hausfrau. All‘ diese Eigenschaften zu vereinen war natürlich nicht immer einfach. Oft stand ich vor großen Herausforderungen, weil ich nicht wusste wie ich den Ansprüchen so vieler Jungs gerecht werden soll, da sie so unterschiedliche Bedürfnisse haben und  jeder mehr Aufmerkamkeit und Zuwendung bräuchte, als im stressigen Alltag des Heims ermöglicht werden kann.
Doch egal wie anstrengend ein Tag mit 150 Jungs auch war, am Ende des Tages ging ich immer mit einem guten, zufriedenen Gefühl nach Hause. Das lag vor allem daran, dass die letzten zwei Stunden meines Arbeitstages daraus bestanden, die jüngeren Kinder ins Bett zu bringen. Das wurde sehr schnell zu meinen Lieblingsmomenten, denn selbst die größten Clowns und Störenfriede lagen abends wie Engelchen in ihren Betten und auch ich konnte mir endlich mehr Zeit für einzelne Gespräche nehmen. Die Jungs forderten Gute-Nacht-Geschichten ein, wir beteten zusammen und sangen manchmal sogar ein Gute-Nacht-Lied. Zu jedem Einzelnen setzte ich mich noch einmal an den Bettrand und oft erzählten sie mir von ihren Sorgen oder fragten mich wie das Leben in Deutschland so ist. Nicht selten bekam ich ein „Kommst du morgen wieder?“ oder ein „Hoffentlich passt der liebe Gott gut auf dich auf!“ zu hören. Das waren für mich immer ganz besondere Momente, in denen die Jungs mir ihre Zuneigung und ihre Dankbarkeit dafür, dass jemand für sie da ist obwohl sie sonst niemanden haben, entgegenbrachten.

Doch nicht nur die Jungs waren dankbar dafür, dass ich mit ihnen arbeitete, auch ich verdanke ihnen eine ganze Menge. Sie haben mir unglaublich viel beigebracht und meinen Horizont vom Verständnis dieser Welt ein ganzes Stück erweitert. Außerdem haben sie mir gezeigt, dass man selbst in aussichtslosen Situationen nie seine Lebensfreude verlieren muss sondern im Gegenteil daran wachsen und stärker werden kann.

Ein gutes Beispiel dafür ist zum Beispiel Álvaro, der mittlerweile 16 Jahre alt ist und in seinem Leben schon so viel durchgemacht hat, dass er oft erwachsener wirkt als ich selbst. Denn obwohl er in seiner Kindheit geschlagen wurde, seine Mutter sehr früh verstarb und sein Leben alles andere als einfach war, hat er gelernt Verantwortung für sich selbst und für seine jüngeren Geschwister, um die er sich rührend kümmert, zu übernehmen um so die Familie, die ihm geblieben ist, zusammenzuhalten. Das zeugt für mich von einer unglaublichen Charakterstärke und dem Willen niemals aufzugeben. Dabei wurde mir bewusst, mit welchen Problemen sich manche Menschen schon in sehr jungen Jahren konfrontiert sehen und wie klein und unwichtig meine alltäglichen Probleme daneben wirken.

„Mein größter Traum ist es, dass meine Mama, mein Papa und meine Schwester endlich wieder bei mir sind.“, gestand mir der 7-jährige José  eines abends während wir uns zusammen den Sternenhimmel anschauten. „Was passiert eigentlich mit den Menschen, wenn sie sterben? Glaubst du, sie werden dann zu Sternen und passen vom Himmel aus auf uns aus?“ Als ich ihm seine Frage mit einem nachdenklichen Nicken beantwortete meinte er: „Super dann passt meine Mama immer auf mich auf!“, gab mir eine feste Umarmung, ergänzte „und auf dich auch, weil du immer auf mich aufpasst!“ und hüpfte danach unbeschwert zu seinen Freunden zurück um mit ihnen zu spielen.
Diese Szene brachte mich auch Tage danach noch zum Nachdenken. Obwohl José schon mit 7 Jahren ganz alleine auf sich gestellt ist, nimmt er sein Schicksal mit einer unglaublichen Stärke an und respektiert seine Situation so wie sie ist. Ich habe ihn noch nie jammern gehört, stattdessen hüpft er unbeschwert und lächelnd durch das Leben.

Dieses Jahr in Bolivien bedeutet mir unglaublich viel, da mir die Jungs sehr wichtig geworden sind und ich mich am Ende kaum von meinen 150 kleinen Brüdern verabschieden konnte. Ich kann wirklich sagen, dass ich als Fremde kam, die weder die Sprache noch das Land, die Kultur oder die Schicksale der einzelnen Jungs kannte. Doch mit der Zeit wurde ich zu einer Freundin, lernte mich an das bolivianische Leben anzupassen und lernte unglaublich beeindruckende Jungs mit tollen Persönlichkeiten kennen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.