Sieben Monate bei Straßenkindern

Gabriel Booms hat die Zeit nach seinem Schulabschluss auf eine ungewöhnliche Weise verbracht. Sieben Monate hat der 19-Jährige einen Freiwilligendienst in Bolivien geleistet. Er war dort in einer Aufnahmeeinrichtung, die sich um ‚Straßenkinder kümmert. Eigentlich wollte er ein Jahr bleiben, doch Wegen der Corona-Krise musste er vorzeitig nach Deutschland zurück. Nach Bolivien kam er über die Organisation „Don Bosco Volunteers“, die ihm das Volontariat vermittelte. Für Gabriel waren die sieben Monate eine lehrreiche Zeit – und auch ein Abenteuer.

Bei welchem Projekt hast du deinen Freiwilligendienst verbracht?

Ich war im „Techo Pinardi“, einer Einrichtung des großen Don-Bosco-Projekts in Santa Cruz de la Sierra, der größten und bevölkerungsreichsten Stadt Boliviens. Diese Erstaufnahme-Einrichtung richtet sich an männliche Jugendliche auf der Straße im Alter von acht bis 18 Jahren. Für betroffene Mädchen und junge Frauen hat das Projekt eine eigene Einrichtung. Beim „Techo“ durften Straßenjungs an die Türe klopfen und bekamen ein Bett mit festem Dach über dem Kopf, drei Mahlzeiten am Tag und vor allem ein mal etwas Abstand von dem teilweise sehr hässlichen Straßenleben.

Du warst auch noch zu Beginn der Corona-Krise in Bolivien. Wie hast du das dort erlebt?

Bolivien gilt als eines der ärmsten Länder Südamerikas und ringt gerade auch hart mit den Folgen der Corona Krise. Viele Menschen dort leben vom täglichen Verkauf ihrer Waren auf dem Markt oder direkt auf der Straße. Die momentane Ausgangssperre stellt einen Großteil der Bevölkerung daher auf eine harte Probe, da ihre Einnahmen meist ganz ausbleiben. Auch die Straßenkinder sind im Moment sehr davon betroffen. Jetzt sind sie wirklich auf die Hilfe solcher Organisation angewiesen, die ihnen abseits der Straße ein zu Hause geben, wenn sie nicht mehr zu ihrer Familie können. Gerade was das Gesundheitssystem und die medizinische Versorgung angeht, ist Bolivien sehr dürftig ausgestattet. Im ganzen Land gibt gerade einmal 100 Krankenhausbetten, in denen Patienten mit Beatmungsgeräten versorgt werden können. Intensivstationen, wie man es aus Europa kennt, gibt es nicht.

Ich habe das jeden Tag mitbekommen, wie das vielen Menschen große Angst macht und die ohnehin schon arme Bevölkerung sehr strapaziert. Es sind nämlich die Grundbedürfnisse, die dort in einer solchen Krise hinten angestellt werden müssen, da einigen Menschen das Geld fehlt, sich die einfachsten Lebensmittel zu kaufen.

Wie waren die Kinder, mit denen du dort zu tun hattest?

Vielen Kindern und Jugendlichen fällt der Schritt weg von der Straße überhaupt nicht leicht, auch wenn man meinen könnte, das sichere und behütete Leben abseits der Straße gäbe ihnen genug Ansporn dafür. Der Großteil dieser Kinder und Jugendlichen ist nämlich stark drogenabhängig und hat es nicht leicht, sich mit dem Eintritt in die Einrichtung auf einen kalten Entzug einzulassen. So ist es fast alltäglich, dass es die Jungs gerade mal nach einer halben Woche schon nicht mehr aushalten, da sie das Leben auf der Straße so sehr festhält und sie einfach über Zaun und Dach klettern, um wieder zu ihren Freunden, Drogen und dem regellosen Leben auf die Straße zurückkehren.

Was passiert mit denen, die in dem Projekt bleiben, wie wird ihnen geholfen?

Die Jugendlichen, die es länger aushalten, werden unter anderem von einer Psychologin und einer Sozialarbeiterin begleitet. Nach einer bestimmten Zeit in dieser Ersteinrichtung kann dann zum Beispiel über einen Wechsel in ein anderes Heim überlegt werden, wo sie dann für eine längere Zeit bleiben. Manchmal gelingt auch eine Rückführung in die Familie.

Kommt das oft vor, dass sie in ihre Familie zurückkehren können?

Bei einem Großteil der Kinder und Jugendlichen ist dieser Schritt nicht möglich. Es gibt eine Menge vernachlässigter, vergewaltigter Kinder. Manche haben auch keine Familie mehr, zu der eine Beziehung überhaupt möglich wäre. Das einfache Leben und das Leben auf der Straße gehört dort zum allgemeinen Stadtbild dazu, und das, obwohl Santa Cruz schon als die am wirtschaftlich fortgeschrittenste Stadt Boliviens gilt.

Was war deine Aufgabe als Freiwilliger in der Ersteinrichtung?

Ich wollte eine Ansprechperson sein, ein Freund. Ich wollte den Jungs dabei helfen, eine neue Richtung einzuschlagen. Im Laufe der Zeit habe ich in Eigeninitiative auch Englisch- und Gitarrenkurse angeboten. Gerade am Anfang konnte ich mir vor allem aufgrund meiner geringen Spanischkenntnisse noch nicht vorstellen, wie ein richtiger Erzieher zu arbeiten – zumal es mir die Jungs nicht immer leicht machten.

Wieso nicht?

Viele von ihnen haben riesige Probleme, sich auf eine Sache zu konzentrieren und machen einfach das, was sie wollen. Manchmal, wenn ich gerade eine kleine Unterrichtseinheit anfangen wollte, gingen einige von ihnen schlichtweg aus dem Raum und legten sich draußen auf den Boden, weil sie auf alles andere gerade keinen Bock hatten. Auf der Straße läuft das genau so. Viele kennen es gar nicht mehr anders. Die allerwenigsten stellen für sie dann noch eine Autoritäts- oder Bezugsperson dar.

Man muss versuchen, sich vorzustellen, wie sehr einen selbst das Leben auf der Straße mit all seinen Abgründen und Verführungen verändern würde. Mit der Zeit wird das Einhalten von Regeln und Vorschriften so unglaublich nichtig, dass man droht, stark zu verrohen und abzustumpfen. Das ist nicht die beste Voraussetzung, sich in feste Tagesabläufe und Strukturen zu fügen, geschweige denn sich erziehen zu lassen. Manchmal fiel mir diese Arbeit echt schwer und sie kam mir stellenweise auch etwas hoffnungslos vor.

Wie kommen die Kinder dort mit dem Leben auf der Straße klar?

Unter normalen – „nicht-Corona“-Umständen, fühlen sich viele Kinder recht wohl auf der Straße – das mag jetzt komisch klingen, aber ich versuche mal einen etwas anderen Blickwinkel zu erklären. Als ich mal mit ein paar von ihnen draußen unterwegs war, verschwanden plötzlich drei Jungs und kamen einen Augenblick später mit einem Stück Brathendl zurück. Aber genau da liegt das Problem: Ich denke, jeder kennt diesen inneren Konflikt. Man wird auf der Straße angebettelt und man gibt halt ein paar Münzen her, die einem sowieso vielleicht lästig sind… Was ich aber während meiner Zeit dort recht schnell gelernt habe, war,  dass das genau der Weg ist, der die Kinder am besten auf der Straße hält.

Kannst du erklären, warum das so ist?

Die Armut auf den Straßen Boliviens ist groß – aber hier und da also einem Bedürftigen ein wenig Geld in die ausgestreckte Hand zu drücken, verlagert das Problem meist nur. Bitte nicht falsch verstehen – in solchen Situationen zu helfen ist wichtig, aber an der richtigen Stelle.

Oftmals sind es auch Gespräche und etwas Zuwendung, die man einem Menschen schenkt, die bei dem ein oder anderen etwas bewirken können.

Keiner der Kinder und Jugendlichen führt auf der Straße ein wirklich würdiges Leben. Aber wenn die Grundbedürfnisse wie zum Beispiel Essen gestillt werden und sie durch Betteln den Rest finanzieren können, gibt es ihnen das das Gefühl, gar nicht mehr erreichen zu müssen. Auch Drogen und Gang-Zugehörigkeit spielen eine große Rolle – das ersetzt bei den Jungs das oftmals fehlende Familienverhältnis. Warum sollten sie sich also ändern und zum Beispiel in eine Hilfseinrichtung gehen? Da gehört schon einiges an Überwindung dazu. Deswegen konnte ich keinem von ihnen ihre manchmal vielleicht schwierige Art übel nehmen. Im Gegenteil  – Respekt für jeden einzelnen kleinen Schritt in die richtige Richtung ist da angebracht!

Wenn Sie an das Projekt Techo Pinardi spenden möchten, können Sie das hier tun:

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